Wenn man es wie ich gewohnt ist, dass die eigene Stimme im professionellen Umfeld grundsätzlich über ein Mikrofon abgenommen wird und man sie nur zurückgeworfen durch Lautsprecher erfährt, so ist es anfänglich eine etwas befremdliche Situation, in einem großen Kirchenschiff zu stehen und die eigene Stimme völlig unverstärkt, in ihrer ganzen Purheit zu erleben – so geschehen bei dem Theaterstück „Die Frauen der Mary Celeste“, bei dem ich im Sommer spontan eine Rolle übernehmen durfte.
Es brauchte ein paar Versuche, bis ich mir die nötigen Resonanzräume so erschlossen hatte, dass ich auch die hintersten Reihen akustisch erreichte. Doch was bedeutet „erreichen“ im Kontext von Musik und Theater eigentlich wirklich? Was bedeutet es, andere Menschen mit der eigenen Stimme zu berühren?
Ja, ich habe die Technik, um bestimmte Klangfarben und Lautstärken zu produzieren. Doch bedeutet das automatisch, dass meine Botschaft wirklich bei den Menschen ankommt? Entsteht ausdrucksstarker Gesang wirklich allein durch technisches Können?
Wie oft höre ich Sängerinnen und Sänger, die jedes stimmliche Kunststück vollbringen können und emotional singen – und die mich dennoch innerlich kalt lassen. Woran liegt das?
Uns Sängern wird oft gesagt, um Gänsehautmomente entstehen zu lassen, müssten wir den Song mit unserem ganzen Sein nachempfinden. Und ja, manchmal mag das genau so funktionieren. Und doch bin ich der Überzeugung, dass wir nicht jedes Lied sein und werden müssen, um solche magischen Momente zu erzeugen.
Vielmehr fühlt es sich für mich so an, als müsste ich mich eigentlich nur innerlich ausrichten und alles andere würde von allein geschehen. Wie eine Klangschale stimme ich mich auf die Frequenz des jeweiligen Liedes ein, werfe Erwartungen und Wünsche über Bord und vergesse alles, was ich jemals über Technik gelernt habe. Meine Stimme ist das Instrument. Ich lasse mich singen.
Und genau dieses Nicht-Eingreifen sorgt im besten Fall dafür, dass ich einen Widerhall im Publikum erzeuge. Dass die Magie sich ungehemmt entfalten kann. Vielleicht ist es genau das, was Bühnenpräsenz für mich im Kern bedeutet: nicht mehr zu wollen, sondern tatsächlich präsent zu sein.
Aber kann man das denn überhaupt lernen, wird sich der ein oder die andere von euch vielleicht fragen …
Ja. Und doch geht es dabei eben weniger um das Erlernen einer Technik als um das Entdecken eines tief verankerten Wissens in uns selbst.
Für mich ist und war die Improvisation – und damit auch das Songwriting – stets ein wunderbares Werkzeug, um mich im Einstimmen auf die Musik zu üben: in Schwingung zu gehen mit dem, was ist. Wenn uns keine Zeit zum Nachdenken bleibt, sondern wir ganz und gar unserem sängerischen Instinkt folgen. Wenn wir reagieren anstatt zu agieren, unsere Ideale loslassen und uns von der eigenen Bewertung lösen. Wenn wir die Töne, die wir erzeugen, schmecken können, sie mit mit all unseren Sinnen erfahren. Wenn wir einfach da sind und geschehen lassen – dann können wir lernen, wie aus einem einfachen Lied Musik wird.